26.04.16

Stahlpreise und Stahlmarkt im April 2016 - Roundup 6

"Wenn sie pleitegehen, umso besser, dann können wir mehr Stahl produzieren", zitiert die Zeitung "Die Welt" Minnie Lu, eine Verkaufsleiterin eines Stahlunternehmens nahe Shanghai. Solche Aussagen dürften den deutsche Stahl-Managern, die sich derzeit bei der Industrieschau Hannover Messer die Klinke in die Hand geben, überhaupt nicht gefallen.

"Hauptursache ist die mangelnde Anpassung der chinesischen Stahlhersteller an eine dramatisch gesunkene Nachfrage in diesem Land. Die damit verbundenen, in ihrer Dimension historisch einmaligen Überkapazitäten werden auf die Weltstahlmärkte exportiert", sagte der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, am Montag auf der Hannover Messe. Eine zeitnahe internationale Lösung für die globale Stahlkrise sei gegenwärtig nicht in Sicht.

Für die europäische Stahlindustrie ist die Lage extrem undankbar. Stahlpreise und Stahlnachfrage auf dem Markt in Europa sind nämlich am steigen. In Nordeuropa kletterte der Stahlpreis für das oft als Referenzprodukt herangezogene Warmband seit Jahresbeginn von 315 Euro auf 348 Euro je Tonne (+10,48%). Die Konzerne verdienen aber nicht so gut wie früher, weil sehr viel chinesischer Importstahl auf dem Markt ist.

Einheit und Freiheit

In China hat man es sich offenbar anders überlegt: Zwar kündigte Peking zu Jahresbeginn ein Programm zum Abbau von Überkapazitäten an. In den nächsten drei bis fünf Jahren sollten 150 Millionen Tonnen Rohstahl weniger erzeugt werden, so das Ziel. In der Praxis macht man allerdings genau das Gegenteil. Hochöfen werden derzeit wieder hochgefahren, will das "Industriemagazin" von Insidern erfahren haben.

Die chinesische Führung bekommt offenbar den geplanten Umbau zu einer mehr auf Konsum und Dienstleistungen basierenden Volkswirtschaft nicht hin. Man greift auf das altbewährte Wachstumsmodell zurück: China ist die Werkbank der Welt in Kombination mit einem heißgelaufenen Immobilienmarkt.

Ein zu niedriges Wirtschaftswachstum kann in abgelegenen Teilen der Volksrepublik zu Aufständen infolge eines Anstiegs der Arbeitslosigkeit führen. Damit wäre Chinas im letzten Jahrhundert so hart erkämpfte Einheit gefährdet. Und genau davor sollen sich die Regierenden im Peking am meisten fürchten. Ihr Albtraum: Es kommt zu einem Auflösungsprozess wie in der damaligen Sowjetunion.