19.03.18

Steilvorlage für Stahlindustrie

Für die Stahlindustrie ist es ein Ding der Unmöglichkeit: Die EU beschränkt sich darauf gegen Trumps Stahlzölle bei der Welthandelsorganisation (WTO) Klage zu erheben, verzichtet auf Vergeltungsmaßnahmen und startet eine Modernisierungsoffensive. Was auf den ersten Blick abwegig klingt, ist auf den zweiten Blick vernünftig und weitblickend.

Weil Großbritannien die EU verlässt, gewinnt der Anti-Freihandelsblock um Frankreich, Italien und Spanien die Oberhand. Nicht nur Trump wolle den Freihandel begrenzen, auch die mediterranen EU-Länder wollten das, 🔗sagt Deutschland renommiertester Ökonom, Hans Werner Sinn. Die freinhandelsorientierten Länder Deutschland, Niederlande, Finnland (D-Mark-Block) bekommen ein Problem.

Und so wundert es wenig, dass ausgerechnet Frankreichs EU-Währungskommissar Pierre Moscovici beim Thema US-Stahlzölle zuletzt vorpreschte. Der frühere Kassenwart von Präsident Hollande kündigte umfangreiche Vergeltungsmaßnahmen an, obwohl das in den Zuständigkeitsbereich von Handelskommissarin Cecilia Malmström fällt. Frankreich möchte den früheren D-Mark-Block schwächen, was natürlich auch den Euro schwächen würde.

Eine Bottom-Up-Analyse zeigt, dass die europäische Stahlindustrie nicht genügend Fortschritte macht und notwendige Modernisierungen auf die lange Bank schiebt. So produzieren EU-Stahlwerke jedes Jahr nach Experteneinschätzungen 30 bis 40 Millionen Tonnen Stahl über Bedarf. Ein Teil davon ließ sich bisher in die USA exportieren.

"Stahl wird auslastungsgetrieben produziert. Das Stahlwerk weiß nicht genau, was der Handel braucht. Also packen die Produzenten und auch wir den Stahl in die Lager und warten, bis der Kunde sich per Telefon, E-Mail oder Fax meldet", erklärte einmal Kloeckner-Chef Gisbert Rühl im Gespräch mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ).

Für die europäische Stahlindustrie bietet sich eine große Chance ihre Produktion mittels Big Data und neuen Prozessen zeitgenauer auf die tatsächliche Nachfrage ihrer Kunden zuzuschneiden und damit in der globalen Stahlbranche, so wie die europäische Automobilindustrie, zum Technologieführer aufzusteigen. Deutschland ist beim Thema Industrie 4.0 weltweit führend, stellte gerade SAP-Chef Bill McDermott im Interview mit dem Handelsblatt fest.

Fazit:
  • Trumps Stahlzölle schaden auf Mehrjahressicht der US-Stahlindustrie am meisten. Ihre Innovationskraft geht den Bach runter. Gut möglich, dass es für die US-Stahlunternehmen auf ein ähnliches Szenario wie für die Autoindustrie hinausläuft. Die musste von Präsident Obama während der Finanzkrise mit einer Schnell-Insolvenz gerettet werden.

  • Anstatt sich mit Vergeltungsmaßnahmen zu beschäftigen, sollte die EU mit gezielten Investitions- und Förderprogrammen heimischen Stahlunternehmen Anreize geben, nicht mehr vieles so wie in den 70er-Jahren zu machen, also Stahl auf Lager produzieren und am Telefon auf Kundenaufträge warten.