Warum die Stahlpreise noch Monate steigen
Europas Stahlindustrie sendet derzeit widersprüchliche Signale. Während Branchenverbände vor einer anhaltenden Krise warnen, zeichnen operative Marktdaten ein deutlich anderes Bild. Die hohe Auslastung der Stahlwerke bei steigenden Stahlpreise wirft die Frage auf, ob die öffentliche Klage der Lobby die tatsächliche Lage überzeichnet.
Auf der operativen Ebene ist festzuhalten: Die großen integrierten Stahlwerke laufen wieder nahe Volllast¹. Deutsche Produzenten wie Thyssenkrupp und Salzgitter berichten von hoher Auslastung, ArcelorMittal hat mehrere Standorte in Deutschland zuletzt schrittweise auf 100 Prozent hochgefahren.
Solche Entscheidungen folgen in der kapitalintensiven Stahlindustrie klaren betriebswirtschaftlichen Signalen. Hohe Fixkosten sorgen dafür, dass Werke nur dann voll ausgelastet werden, wenn sie Gewinne machen.
Demgegenüber steht die Rhetorik der Verbände. Diese betonen sinkende Rohstahlproduktion, hohe Strompreise, Importdruck und strukturelle Wettbewerbsnachteile. Die Lage sei "extrem angespannt". Es wird von einem vierten Krisenjahr² in Folge gesprochen.
Diese Aussagen sind faktisch nicht falsch, sie beziehen sich jedoch auf zusammenaddierte Jahresdaten und langfristige Strukturfragen – nicht auf die aktuelle Ertragslage einzelner Stahlwerke. Genau hier entsteht der Widerspruch.
Der Schlüssel zum Verständnis liegt im Preisumfeld. Seit Ende Juli 2025 hat sich der Stahlmarkt für Flacherzeugnisse deutlich gefestigt. Der Stahlpreis für Warmband aus nordeuropäischen Hochöfen stieg seitdem um 105 Euro pro Tonne auf 640 Euro.
Diese Preisbewegung zeigt verbesserter Marktbedingungen, stabilere Nachfrage und ein nachlassender Preisdruck durch Importe.
Zum Thema: Stahlpreis Prognose Q1/2026: Es geht aufwärts
Für den Zeitraum Februar bis Mai 2026 ergibt sich daraus ein weiter steigender Preistrend.
Zwischen Februar und Mai 2026 dürfte sich der Warmbandpreis im Bereich von 650-680 Euro bewegen. Die Werke gehen mit gut gefüllten Auftragsbüchern ins Jahr. Käufer zeigen zwar Zurückhaltung, akzeptieren aber zunehmend das höhere Preisniveau.
Hinzu kommt die wachsende Bedeutung des CO2-Grenzausgleichmechanismus (CBAM). Die stärker werdende konjunkturellen Erholung ab März zusammen mit den steigenden CBAM-Kosten dürfte die Stahlpreise weiter steigen lassen.
Fazit
Die Lage der europäischen Stahlindustrie ist strukturell schwierig, aber operativ deutlich besser, als es die Lobby verlauten lässt. Die derzeitige Kommunikation ist weniger eine Marktanalyse als ein politisches Instrument. Wer hingegen auf die steigenden der Stahlpreise und Auslastung schaut, erkennt eine Stahlindustrie, die sich kurzfristig stabilisiert hat und ihre Ertragskraft zurückgewinnt.
¹EU coil mills running near full tilt, Argus
²Deutschland steuert auf viertes Krisenjahr in Folge zu, WV Stahl